3.4. Paint und grafische Elemente, Malkasten und Schreibmaschine

Dieser Teil der Anwendungen stellt Werkzeugezur Verfügung mit denen man Pixel auftragen kann. Üblicherweisewerden hier Analogien wie Pinsel, Airbrush oder Palette benutzt. Anstatteiner Farbe kann man auch den Inhalt eines beliebigen Bildes als 'Farbauftrag'über ein anderes Bild legen, bzw. Bereiche eines Bildes an eine andereStelle im Bild kopieren oder den Transparenzbereich durch 'Malen' beeinflussen.

Die Werkzeuge werden auf unterschiedliche Art angewendet. Grundsätzlich kann man im fertigen Effekt zwischen sichtbaren und unsichtbaren Objekten unterscheiden. Sichtbare Objekte sind Text, geometrische oder freie Formen beliebiger Farbe. 'Unsichtbar' sind Arbeiten die zur Retusche vorgenommen werden, sie verdecken ungewünschte Bildteile mit anderen Teilen des Bildes. Dem Bild sieht man nachher nicht an, das es bearbeitet worden ist, die entsprechenden Pixel sind zwar über dem Bild aber nicht 'offensichtlich'.

Sämtliche Operationen im Paintbereich setzen den Einsatz von Werkzeugen voraus, wie bei Programmen zur graphischen Gestaltung üblich sind. Neben der Möglichkeit des Erzeugens geometrischerGrundformen und verschiedener Linientypen, ist die Art des 'Farbauftrages'durch verschiedene Pinsel definiert. Neben harten und weich auslaufendenPinseln als Grundform sind weitere Parameter einstellbar. Die Pinselweiteebenso, wie die Form und das Auslaufen der weichen Pinselkante beliebig variiertwerden. Dadurch kann man verschiedene Arten des Farbauftrages simulierenz.B. Airbrushpistole, Glow (Leuchten) oder Kreide.

Eine Auswahl möglicher Pinselformen:

 

Eine andere Grundfunktion erstellt geometrische Grundformen. Kreise, Rechtecke oder Polygone lassen sich so erzeugen. Damit man daraus auch komplexe Formen erzeugen kann lassen sich die Formen mitHilfe von 'Hebeln' verformen. Die resultierende Form nennt man Bézierkurve. An den Eckpunkten kann man dazu über eine Art Hebel, der in der Länge und Winkel verstellbar ist eine Krümmung einstellen. Mit ein wenig Übung kann man so auch komplexe Formen erstellen. Scharfe Kanten bekommt man, wenn man die Hebel einseitig wirken läßt, so beeinflußt die Einstellung die Kurve nur zum nächsten Punkt und nicht darüber hinaus, wiebei der Grundeinstellung üblich.

 

Neben der Möglichkeit Pixel über die freie Eingabe mit Stift auf einem Grafiktablett aufzutragen, gibt es zahlreiche Hilfsmittel die es erlauben die Objekte in eine

Hierarchie einzuordnen. Hat man mehrere grafische Objekte definiert z.B. einen Text und ein Rechteck als Hintergrund, kannman deren Beziehungen untereinander einstellen. Der Text soll auf dem Rechteck zu sehen sein, die Hierarchie muß unter Umständen geändert werden. Es ist daher möglich Objekte nach vorne(oben) oder hinten (unten) zu schieben. Eine passende Analogie ist das Arbeiten mit transparenten Folien. Die Folie mit dem Text muß über der des Rechtecks liegen, wenn sie voll lesbar sein soll.

 

Darüber hinaus gibt es Hilfsmittel zur Positionierung der Objekte, zentriert, links oder rechts lassen sich die Objekte an einem Einstellgitter, oder relativ zueinander ausrichten. Zusätzlich sindnoch Verdoppelungen, Spiegelungen und andere Möglichkeiten gegeben.Für die Gestaltung eines grafischen Effektes werden meistens viele derGrundfunktionen kombiniert eingesetzt.

'Unsichtbar' sind die Objekte die zur Retusche eingesetzt werden, um Kratzer oder ungewünschte Bildelemente zu kaschieren. Der Kratzer ist nach wie vor im Bild enthalten, ein gemaltes grafisches Element, das den Teil des Bildes der vom Kratzer eingenommen wird imitiert, liegtallerdings darüber. Im Vergleich zur Umgebung ist dieses Element allerdingsnicht sichtbar, weil es die gleiche Farbe hat. Halbwegs gebräuchlicheNamen für diese Funktion sind etwa: 'Clone', 'Restore' oder 'Reveal'.

Es wird ein 'perfektes' Bild erzeugt das ohne einen Vorher-Nachher Vergleich nicht als manipuliert erscheint, bzw. voneinem Kamerabild nicht zu unterscheiden ist.

Ein Stuntman springt vom Hochhaus. Er ist mit einem Seil gesichert. Nachträglich werden die dunklen Pixel des Seils gegen solche vom Himmelblau gleich daneben ausgetauscht. Der Pinsel ist dabei ein Werkzeug das einen vorher definierten Punkt neben dem Seil z.B. 2cm rechts neben dem Seil. Fährt man mit dem 'Pinsel' nun am Seil vorbei werden die Pixel immer gegen die 2cm rechts davon ausgetauscht. Geschickt angewendet ist so ein völliges Verschwinden von Halteseilen möglich. Die Technik wird auch 'Wire Removal' genannt.

Im Film 'Terminator 2' springt ein Stuntman mit einem Motorrad von einer hohen Mauer. Die Szene wirkt absolut echt. Ist sie auch, nur das Motorrad und Stuntman an einer Art Seilbahn sanft nach unten gelassen werden, sämtliche Seile wurden digital retuschiert. Nicht nur die offensichtlichen Effekte wie der 'flüssige Metall Roboter', sondern auch solche zur Unterstützung 'realer' Szenen sind in diesem Film digital umgesetzt worden.

Anstatt ungewünschte Objekte von neutralen Pixel überdecken zu lassen, kann man auch ein gewünschtes Objekt vervielfachen. Bei einer Zahnlücke kann man z.B. den Zahn nebenan als Referenzpunkt für dieses Werkzeug nehmen und in der Lücke eineKopie des Zahnes in die Lücke malen. Möglich ist es auch die Referenz aus einem Bild zu nehmen und in ein anderes zu malen. Wenn man z.B. eineArmada von Schiffen darstellen möchte. Man hat ein historisches Schiffund dreht dieses, wie es mehrmals an verschiedenen Stellen durch das Bildkreuzt. Dieser Effekt wurde in einer Fernsehserie über Odysseus Reisenverwendet. Die verschiedenen Takes können zu einem Bild kombiniert werdenin dem so viele Schiffe zu sehen sind wie verschiedene Takes der Szene aufgenommenworden sind. Der Realismus eines solchen Effektes hängt stark davonab ob man das Schiff in der Zwischenzeit etwas umgebaut hat. Andere Segelsetzen, Kanonenluken auf oder zu, verschiedene Fahnen etc. Prinzipiell istdas auch nachträglich möglich, dürfte in diesem Fall aberteurer sein, angesichts der Komplexität der Details wie Takelage etc.,die eine sehr lange Nachbearbeitungszeit beanspruchen würden.

Die Zeit in der man dreht spielt auch eine Rolle, fährt das Schiff durch ein Bild in dem die Sonne zu sehen ist, wirkt sich das bei den anderen Takes auf die Lichtverhältnisse der Schiffe aus (Schattenlänge). Geht man davon aus das die Schiffe immer mit etwas Umgebung in das fertige Bild kopiert werden um den Arbeitsaufwand geringzu halten, spielt das Umgebungslicht eine entscheidende Rolle.

Grafische Werkzeuge spielen hier deshalb eine Rolle, weil man jeweils den Umriß eines Schiffes ausschneiden muß. Das Schiff hat aber einen komplexen Umriß, so daß man die Matte mit dem Stift eingeben kann, in dem man mit dem Zeichenwerkzeug an den Rändern des Schiffes vorbeifährt und so die grafische Form als Matte Key nachbildet. Anstatt den Umriß als eine Linie nachzuzeichnen kann man die Form auch mit mehreren 'Pinselstrichen' freilegen. Der Pinselstrich wird nicht alsFarbauftrag interpretiert und er kopiert auch keine anderen Pixel. Die Transparenzinformation wird hier im Alpha Kanal als Matte Signal 'gemalt'. Wenn das Schiff übermalt wird kann man den Effekt auch in der Wirkung invertieren, so daß das Schiff sichtbar, das Meer aber unsichtbar wird. Liegen mehrere solche, mit welcher Arbeitstechnik auch immer, ausgeschnittene Schiffe über einem unmanipulierten, leeren Hintergrund (nur das Meer) hat man die gewünschte Flotte im Bild. Kritisch sind hierbei die Übergänge zwischen den ausgeschnittenen Teilen und dem Hintergrund. Das Schiff ist wahrscheinlich zu komplex um es in einer sinnvollen Zeitspanne komplett freizustellen. Teile des Hintergrundes sind also auch zu sehen. Um diesen Übergang zu verwischen wird meist noch eine Unschärfe am Rand der ausgeschnittenen Elemente verwendet.

 

Beispiel für die Paintfunktionen mit Teilen des Bildes.

Original

 

 

Statt 'Crowd' Replication und Wire Removal, hier 'Kraut' (Blumen) Replication und 'Wasserhahn' Removal

 

Und ein Beispiel für die Verdoppelung von Bildteilen

Oft werden zusätzliche Paintelemente benötigt um die Illusion des Effektes überhaupt erst glaubhaft zu machen. ImFilm 'Jurassic Park' zertrampelt ein Saurier ein Auto. Dabei tritt das Urtierauf das Dach des Autos das in sich zusammensackt.

Für diese Szene wurde ein reales Auto mit Hydraulikzügen entsprechend ausgestattet, das es sich während des Drehens 'zusammenziehen' konnte. Der Dinosaurier ist komplett als Computeranimation erzeugt worden und seine Bewegung der Originalszene angepaßt worden. Tritt der Saurier nun auf das Auto ist sein Fuß immer noch zu sehen, obwohl er ja von Teilen des 'gefalteten' Autos abgedeckt werden müßte. Die Logik der einzelnen Layer läßt sich nicht verändern,der Dinosaurier muß vor dem Hintergrund liegen, da er ansonsten komplett vom Vordergrund verdeckt werden würde. In diesem Falle half also nur eine Einzelbild Retusche, bei der der Teil vom Fuß des Tieres abgeschnitten wurde, der in das Auto eintaucht. Beim nächsten Schritt des Tieres,wenn der Fuß aus dem Auto ‚auftaucht', wird dann wieder allessichtbar gemacht, was nicht mehr von der Karosserie verdeckt wird. Ohne diesesDetail wirkt die Szene lächerlich, da man auf Anhieb den Fuß vordem Auto erkennen kann. Mit diesen zusätzlichen Paintelementen erscheintdie Szene 'realistisch'.

Im Beispiel der Odysseus TV Serie kann man die Schiffe recht groß im Bild sehen weshalb die Verwendung eines echten historischen Schiffes sinnvoll ist. Bei dem Film 'The Patriot' soll die gesamte englische Flotte die vor der amerikanischen Küste ankert gezeigt werden. Diese Schiffe sind als Computeranimation erzeugt. Die Szene ist sehr weit und die Flotte 'nur' ein Detail. Hintergrund ist ein totales Meerbild. Die Flotte ist als Computeranimation überlagert. Eine Fassade von Hafenhäusern wird zusätzlich eingeblendet. Die ähnliche Anforderung historische Schiffe im Film zu sehen wurde also zweimal verschieden gelöst.

Harrison Ellenshaw, Special Effects Supervisor bei Buena Vista referiert über ein Problem bei der 'Crowd Replication' (Statisten-Vervielfältigung) bei einem Vortrag auf dem Potsdamer Filmgelände.

Für die Verfilmung des Dschungelbuchs sollte in einer Szene Mogle von einer Horde Paviane umstellt werden. Paviane sind offenbar schwer zu trainieren, daher gibt es wenige und sie sind teuer. Die Szene war als Visual Effect kalkuliert. Ein Pavian sollte in ca. 40-50 umgewandelt werden. Nach langer Diskussion gelang es Ellenshaw 3 oder 4 reale Tiere in der Szene zu haben.

Das Wahrnehmungsvermögen des Menschen ist in der Lage wiederkehrende Muster zu erkennen. Hätte man nur ein Tier als Original gehabt und nur ein paar Einstellungen, wären bei seiner Vervielfachung Gleichheiten in der Bewegung und Physiognomie aufgefallen, die Szene würde inakzeptabel künstlich aussehen. Alleine durchVerwendung von mehreren Tieren und einer hohen Zahl von Takes ließsich dieser Effekt verringern und eine glaubhafte Szene erzeugen.

siehe auch Kapitel 5.1.über 'Das Werk' Comedian Harmonists.

Das sind nur die grundlegendsten aber auch am meisten verwendeten grafischen Werkzeuge. Die Vielzahl der existierendenMöglichkeiten deren Abwandlungen und Kombinationen gehen ins Unendliche.Diese Möglichkeiten erlauben es aber auch für neue Produktionenimmer wieder ein eigenständiges Aussehen zu finden. Wichtig ist natürlichauch grafische Vorgaben z.B. einer Werbekampagne auf der Workstation detailgenauumsetzen zu können.

zurück zum Inhaltsverzeichnis